Without a Trace
Zu Bye Bye One von NTSC

„Lass Dich nicht täuschen", sagt die Stimme neben mir nach drei Minuten Bye Bye One, „Diese Kästchen können mehr als man glaubt. Die sind richtig verlässlich. Ganz weiß, wenns sonst bunt ist, und selbst wenn sie fast so aussehen wie das Rundherum, sind sie anders. Und immer Kästchen, eben verlässlich." Und schon ist das Video vorbei. War an den Kästchen etwas verlässlich? Lässt man sich täuschen von der vorgeblichen Verlässlichkeit von Etwas oder von der vorgeblichen Unverlässlichkeit alles Anderen? Welche solche Spur führt zu welcher ästhetischen Schlussfolgerung? Findet man Spuren der Arbeit an Etwas in dieser Arbeit? Würde es helfen, wenn sich Spuren finden ließen und man daraus Rückschlüsse ziehen könnte?
Spurenlos allerdings verläuft die Arbeit an Etwas, wenn alle drei, die Spur, die Arbeit und das Etwas, deckungsgleich sind. Sie müssen auf experimentelle oder metaphysische oder hinterfotzige Weise Eins werden, die Absicht des Bearbeitens, die Erkennbarkeit einer Spur und die Nichterkennbarkeit eines abgeschlossenen Etwas. Wenn elektrische Signale in Rückkoppelungsschleifen geraten, beziehungsweise von den Künstlern hineingeschickt werden, um auf erstaunlich selbsttätige Weise Entscheidungen beispielsweise darüber zu treffen, welche ihrer Impulse zu Ton und welche zu Bild werden, dann ist das Etwas . das optisch-akustische Ereignis . und die Arbeit . das Herstellen ebendieser . an Maschinerien und Schaltkreise delegiert. Das lässt Spuren zwar entstehen, aber diese sind zugleich die Arbeit und das Ergebnis; niemand mehr steht im Dienste eines Anderen.
Bild und Ton sind dann nicht mehr Statthalter von Etwas. Die Arbeit, die das Equipment verrichtet, ist das Etwas, das erzählt wird, und nicht etwas, mit Hilfe dessen von Etwas erzählt wird. Deswegen verwandelt sich das kriminaltechnische Defizit eines Without a Trace in einen künstlerischen Mehrwert der experimentellen Schaltkreise, deswegen würde es nicht nur nicht helfen, auf traditionelle Weise Spuren zu suchen, sondern die Tatsache, dass man keine finden kann, lässt gerade die Qualität zu Tage treten. Wie die Rückkoppelungen die Maschinerie selbst zum Erzählen bringen, verleiht dieser Kunst zugleich die fröhliche Unvorhersehbarkeit eines digitalen Flohzirkusses und die unnachgiebige Strenge radikaler Kunst diesseits der narrativen Repräsentation.

Christian Scheib